Sonntag, 22. März 2015

Geisterfahrer

Ich hatte die Möglichkeit, eine größere Strecke mit einem gut ausgestatten Modell der aktuellen Mercedes C-Klasse (C 220 Blue TEC), zurückzulegen. Hier meine Eindrücke (Hinweis: nicht alle Merkmaale gehören zur Standardausstattung):

Erster Eindruck

Kraftprotz - das war mein erster Eindruck. Die Frontpartie wirkt ausgesprochen dynamisch. Leider fehlt das Visier, statt dessen setzt Mercedes auf das Lorbeerblatt: von innen gesehen geht damit ein deutliches Stück Mercedes-Feeling verloren. 

Beim "Hochfahren" der Beleuchtung leuchten die LED-Scheinwerfer blau - eine Funktion ohne Funktion,  einfach nur fürs Auge.

Der Fahrerraum hat sich komplett verändert: Einerseits ist er deutlich enger geworden, zugunsten der Mittelkonsole. Andererseits sucht man dort den Automatikhebel vergeblich. Stattdessen wird die Mittelkonsole von Bedienelementen der Elektronik dominiert: Ein Drehrad zur Bedienung des Bordcomputers, ebenso ein Touchpad (sogar mit Handschrifterkennung) sowie ein paar Schalter.

Den Automatikschalthebel findet man, analog zu amerikanischen Fahrzeugen, hinter dem Lenkrad. Dort findet man auch Paddel für das manuelle Schalten.

Die Feststellbremse wird automatisch angezogen; gelöst wird sie wie gewohnt mit einem Hebel, der aber deutlich kleiner geworden ist: Statt mit der Hand löst man ihn mit dem Finger.

Fahrverhalten

Wenig erstaunt es, dass die 125 KW für einen ordentlichen Fahrspaß sorgen. Dabei lässt sich das Verhalten des Fahrzeugs durch die Agility Control einstellen - vom Eco-Modus über Comfort bis hin zur sportlichen Fahrweise. Für mich stand die persönliche Präferenz schnell fest: Comfort in der Stadt und teils auf dem Lande, Sport auf der Autobahn. 

Auf der Autobahn ist das ganze relativ unspektakulär: Wenn man es darauf anlegt, hat man seinen Platz in der linken Spur sicher. Nur selten ist jemand tatsächlich schneller unterwegs (obwohl es natürlich viele könnten). Und nutzt ein Drängler die Gelegenheit, dass man gerade von einem Spurwechsler in die Eisen gezwuingen wurde: Ist das vorausfahrende "Hindernis" aus dem Wege, gibt man ihm einfach eine Live-Präsentation der Elastizität. Macht Spaß (dem Mercedes-Fahrer natürlich, nicht dem Drängler).

Mehr Spaß hat man, finde ich, aber doch auf der Landstraße: Naturgemäß hat man hier mehr Beschleunigungszyklen, und auch die Kurven wollen genossen werden. Wo andere vorsichtig herunterbremsten, gab ich noch Gas (natürlich immer im Rahmen der geltenden Tempolimits).

Sicherheit

Flutlicht

Das einfachste Sicherheitsmerkmal eines Autos, oft unterschätzt, ist wohl die Beleuchtung. Das gefahrene Modell hatte LED-Leuchten. Richtig hell, das Fernlicht könnte man auch Flutlicht nennen. Dazu das Kurvenfahrlicht, bei Nachtfahrten besonders auf Landstraßen ein immenser Gewinn an Sicht und Sicherheit.

Autoreisezug

Weiterhin verfügt das getestete Fahrzeug über eine Distronic, einen abstandsgesteuerten Tempomat: Man stellt die gewünschte Geschwindigkeit (zwischen 30 und 200 km/h) ein, und das Fahrzeug hält die Geschwindigkeit. Sofern andere Fahrzeuge voraus fahren, reduziert die Distronic entsprechend die Geschwindigkeit bis zum Stillstand. Dabei wird immer ein Sicherheitsabstand eingehalten, den man von einem viertel bis halben Tacho einstellen kann. Durch Gasgeben kann man die Distronic übersteuern; dies macht auf der Autobahn oder im Stadtverkehr oft Sinn, wenn der Vordermann wieder rechts einschert.

Lässt man die Distronic ohne größere aktive Eingriffe walten, führt dies zwangsläufig zu einer eher defensiven und sehr entspannten Fahrweise - ein wenig fühlt man sich, als säße man im Autoreisezug.

Geisterfahrer

Der aktive Spurhalteassistent geht weit über die Sicherheitssysteme hinaus, die ich bislang kannte: Kommt man von der Fahrbahn ab, wird nicht nur gewarnt, sondern das System versucht (über das Abbremsen einzelner Räder), den Wagen in der Spur zu halten. Nach meiner Einschätzung funktioniert das auf 50-70% der Strecke ganz gut. Bei Stop & Go ist das Fahrzeug auch in der Lage, dem Vordermann zu folgen (Vorsicht an der Kreuzung!).

Übrigens arbeitet das System auch während der normalen Fahrt immer mit, wenn man nicht aktiv lenkt. So fühlt sich die Lenkung für den damit Unerfahrenen oft an, als wäre sie ausgeschlagen.

Im Ergebnis wird das Lenken aktiv unterstützt. Viele Unaufmerksamkeiten bis hin zu Fahrfehlern (z.B. der gefürchtete Sekundenschlaf) werden vom System kompensiert.

Noch mehr Sicherheit

Neben diesen Sicherheitsfeatures, welche der Fahrer unmittelbar wahrnimmt, gibt es noch viele eher versteckte Funktionen: Fußgänger und Radfahrer werden erkannt (allerdings keine Kinder oder Tiere), querende Kreuzungsverkehr ebenfalls. Rast das Auto auf einen Stau zu, wird es gebremst - auch wenn der Unfall dann wohl nicht mehr vermeidbar ist, rast man nicht ungebremst in den Stau. Ebenfalls werden drohende Auffahrunfälle erkannt und entsprechend reagiert; so wird das stehende Fahrzeug beispielsweise festgebremst.

Man sehe mir nach, dass ich diese Sicherheitsfunktionen nicht getestet habe...

Navigation

Die Navigation ist eher enttäsuchend: Sie ist sehr langsam, auf einem 50km-Stück habe ich einmal fünf (5!) Minuten auf eine Neuberechnung warten müssen. Von der Optik her eher bunt und und verspielt, nicht so mein Ding. POIs werden angezeigt - aber riesig groß, was der Übersicht eher abträglich ist.

Immerhin bringt sie den Fahrer ans Ziel. Die Fahrzeitberechnung funktioniert relativ gut; bei Staus und sonstigen Störungen habe ich das System nicht so recht verstanden.

Sonstiges

Die Einparkhilfe ist sicher hilfreich für den einen oder anderen ungeübten Fahrer. Am Bordstein klappt es auch ganz gut (Automatik auf P nicht vergessen!), auch wenn man beim ersten Mal Blut und Wasser schwitzt. Noch mehr Schweiß habe ich beim Quereinparken vergossen, das Ergebnis beeindruckte zwar, überzeugte aber nicht: Mit 10 cm Abstand auf der linken Seite hätte ich mich zum Aussteigen verflüssigen müssen. Oder durch das Schiebedach, welches mir leider nicht zur Verfügung stand.
Das Fahrzeug verfügte über ein Notrufsystem, welches über ein gekoppeltes Handy automatisch oder auf Knopfdruck Hilfe herbeirufen kann.

Nebenher fand ich viele kleine Spielereien am Auto: Einen Kleiderhaken an den Handgriffen der Heckklappe, Haken für Einkaufstaschen im Laderaum, das bereits oben beschriebene Hochfahren der Beleuchtung.

Der Verbrauch liegt mit deutlich unter 7 Litern unterhalb meiner typischen Werte in dieser Klasse. Mit dem großen Tank (ca. 66 l) kam ich auf eine Reichweite von über 800 km - ausgereizt habe ich die Reserver dabei natürlich nicht.

Fazit

Unabhängig von den existierenden Klischees - Mercedes spricht eine breite Palette von Fahrern an: So wird der Wunsch nach Komfort erfüllt, ebenso kommt der sicherheitsorientierte Fahrer zu seinem Recht. Aber auch sportlich ist man mit dem Wagen gut unterwegs.

Ich jedenfalls hatte meinen Spaß - sowohl bei gemütlicher wie auch bei sportlicher Fahrweise.


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